Goldene Stadt

Kulturschaffende aus allen Sparten in ganz Deutschland werden in Zukunft Politik und Kunst verbinden. Mit einer Aktionswoche im November starten „Die Vielen“ – von Staatstheatern bis Underground Clubs – auch in München ihre Aktionen.

 

Die Vielen

Die Kunst ist ein Seismograph für den Zustand einer Gesellschaft.

Nur dort wo sie frei ist, leben auch die Bürger in einer liberalen Atmosphäre. Nun bewegen wir uns in Zeiten, in denen Populismus und Nationalismus auf das Trennende in den Kulturen hinarbeiten. „Die Vielen“ ist eine Initiative der Kulturschaffenden in der ganzen Republik, die mit den Mitteln der Kunst einen alternativen Diskurs führen wollen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Es geht hier nicht um eine einheitliche Ideologie, ganz im Gegenteil. In der Vielfältigkeit der Positionen und der Interaktion verschiedenster Institutionen soll angeregt, nicht indoktriniert werden. Von der Staatsoper bis zum Technoclub, von den Kammerspielen bis in einzelne Künstlerateliers wird vor allem eines gezeigt: Wir schweigen nicht und überlassen auf keinen Fall Extremisten den öffentlichen Raum. Ein erstes Zeichen war die Demonstration am 19. Mai. Tausende hüllten sich in das Zeichen dieser Initiative. Goldene Rettungsfolien, die ein glänzendes Statement für Menschlichkeit waren und danach eingesammelt und recycelt wurden. Nach diesem starken Auftakt machten sich die Beteiligten an die Arbeit und nun starten die ersten Aktionen: „Die Woche der Vielen“ vom 9. bis 17. November. Das hier vorgestellte Programm kann nur eine Auswahl sein, denn es ist vieles geplant und es wurde unserer Redaktion ganz aktuell zur Verfügung gestellt. Daher kann es sein, dass sich das eine oder andere noch ändert.

Marathonlesung der Bayerischen Erklärung der VIELEN

Samstag, 9. November, 10:00 bis 22:00 Uhr, Wechselnde Orte

Ob in Theatern oder Kulturzentren: Die Mitglieder der Initiative verlesen jeweils zur vollen Stunde an wechselnden Orten die Bayerische Erklärung der VIELEN, in der sie sich zu Weltoffenheit, Diversität und gegenseitiger Solidarität in der bayerischen Kunst- und Kulturlandschaft bekennen. Die Lesungen werden von Regisseur und Videograf Kevin Barz gefilmt und als Mehrkanal-Installation zum Ende der Woche der „Vielen“ in den Münchner Kammerspielen gezeigt.

Themenführungen zwischen Identitätspolitik und kollektiver Neurose

Samstag, 9. November, 16:00 Uhr und Sonntag 10. November, 11:00 und 14:00 Uhr Museum Brandhorst, Theresienstraße 35a

Viele Künstler*innen verhandeln seit den 1960erJahren in ihren Werken Identitätsfragen in Bezug auf Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder soziale Klasse. Diesen Auseinandersetzungen mit Identitätspolitik werden in der Führung Arbeiten gegenübergestellt. Im Eintrittspreis enthalten; Dauer: 60 Minuten, max. 25 Personen; Anmeldung und Erhalt der Teilnahmemarke ab 30 Minuten vor Beginn an der Information. Die Führung am 10. November um 11:00 Uhr findet auf Englisch statt.

Lesung, Musik und Gespräche

Samstag, 9. November, 20:30 Uhr KulturBunt Neuperlach zu Gast im Köfte House, Albert-Schweizer-Straße 62

Der KulturBunt Neuperlach tritt für einige Stunden raus ins Leben: Gemeinsam mit dem unmittelbaren Nachbarn, dem Köfte House, wird temporär ein kleines Studio errichtet für einen kulturbunten Abend. Mit Benjamin Hirt, Gerd Lohmeyer, Monika Manz; Moderation: Clemens Nicol; Textzusammenstellung: Guido Huller; Musik: Grosses K, Marie Rui; Eintritt frei; Einlass ab 19:30 Uhr

Workshop: „Safe Place And Theater – Theater-Workshop für People of Color“

Sonntag, 10. November, 13:00 bis 18:00 Uhr Münchner Kammerspiele, Falckenbergstraße 1, Dachkammer, Eingang über Kammer 2

Erleben Sie am eigenen Leib richtige Theaterarbeit mit alten und neuen Übungen, die tief in die Welt des theatralen Raums und die Kraft der Identitätsbildung eintauchen. Mit Miriam Ibrahim. Eintritt frei; Anmeldung unter kammer4you@kammerspiele.de. In deutscher und englischer Sprache, keine Vorkenntnisse notwendig. Bitte bringen Sie warme und bequeme Kleidung mit, denn es geht auch raus!

Ein interkultureller Familienworkshop

Montag, 11. November, 13:00 bis 15:30 Uhr Schauburg, Franz-Joseph-Straße 47, Schauburg LAB Workshop

Die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt! Wir stehen vor einer neuen Sintflut und müssen überlegen, wie es weitergeht. Wir brauchen ein Schiff, eine neue Arche … Ausgehend von der Inszenierung „An der Arche um Acht“ macht sich das Schauburg LAB mit einer Gruppe von mutigen Abenteurern auf, um gemeinsam in See zu stechen. Mit: Philipp Boos, Till Rölle. Eintritt: 12 Euro (Erwachsene) / 3 Euro (Kinder), inklusive Theaterbesuch. Für Familien mit Kindern ab 6 Jahren, Zahl der Teilnehmenden begrenzt, Anmeldung unter kasse.schauburg@muenchen.de. Im Anschluss an den Workshop gemeinsamer Vorstellungsbesuch des Kinderstücks „An der Arche um Acht“ von Ulrich Hub

Vortrag und Lesung: „Schicksale von Mitarbeitern der Kammerspiele in der NS-Zeit“

Dienstag, 12. November, 20:00 Uhr Münchner Kammerspiele, Maximilianstraße 26, Kammer 1

Die Jahre 1933 bis 1945 führten zur Verfolgung, Vertreibung und Ermordung – auch von Mitarbeitern der Münchner Kammerspiele. Magnus Brechtken vom Institut für Zeitgeschichte leitet den Abend ein mit einem Vortrag zur Geschichte des Nationalsozialismus in München. Lesung: Zeynep Bozbay, Stefan Merki; Recherche: Sibylle von Tiedemann, Klaus und Janne Weinzierl; Dramaturgie: Martín Valdés Stauber. Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro; Tickets unter kammerspiele.muenchenticket.net

Musiktheater: „Das Haus der herabfallenden Knochen“

Dienstag, 12. November und Mittwoch, 13. November, 20:00 Uhr Münchner Kammerspiele, Falckenbergstraße 1, Kammer 2

In einem Musiktheaterprojekt mit der Hamburger Pop-KunstBand Kante gehen Khoi Khonnexion und die Poetry-Artisanin Nesindano „Khoes“ Namises der wider- ständigen Kraft von Märchen, Poetry und Folk Tales nach. Mit: Nikola Duric, Nesindano Namises. Eintritt: 19 Euro, ermäßigt 6 Euro; Tickets unter kammerspiele.muenchenticket.net. Mit Unterstützung durch den Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes, Kulturbehörde Hamburg.

Vortrag, Lesung und Diskussion: „Die Reise ins Reich“

Donnerstag, 14. November, 20:00 Uhr Theaterakademie August Everding, Prinzregentenplatz 12, Opernstudio im Akademietheater (Eingang seitlich über den Garten oder die Zumpestraße)

Von Reichsbürgern und rechtsextremen Verschwörungstheorien. Der Autor und Regisseur Tobias Ginsburg begab sich undercover unter Reichsbürger. Die „Reise ins Reich“ liefert kuriose und bedrückende Auskünfte über eine Bedrohung, die längst die Mitte der Gesellschaft erreicht hat. Mit Tobias Ginsburg. Eintritt frei, Einlasskarte erforderlich; Reservierung unter Telefon 089/2185 1970 oder unter www.theaterakademie.de

Lesung: „Sophie Scholl – Liebe in Zeiten des Widerstands“

Freitag, 15. November, 20:00 Uhr und Sonntag, 17. November, 17:00 und 20:00 Uhr Münchner Volkstheater zu Gast im Lichthof der LMU München, Geschwister-Scholl-Platz 1

Zwei Schauspieler und eine Musikerin nähern sich den Persönlichkeiten von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel. Die Akteure bringen diese ergreifende Liebesgeschichte auf die Bühne. Sie zeigen zwei junge Menschen, die um ihre Ansichten und Überzeugungen ringen, Widerstände aushalten und nicht aufgeben. Mit Henrike Hahn, Rahel Hutter, Jonathan Hutter. Eintritt: 14 Euro, ermäßigt 7 Euro; Tickets unter muenchner-volkstheater.de. Münchner Volkstheater in Kooperation mit der LMU und Weiße Rose Stiftung

Vortrag und Gespräch: „Restitution und Theater“

Samstag, 16. November, 20:00 Uhr Münchner Kammerspiele, Falckenbergstraße 1, Kammer 2

Bénédicte Savoy und der senegalesische Wissenschaftler und Autor Felwine Sarr haben mit ihren konkreten Vorschlägen und Forderungen zur Rückgabe afrikanischer Kulturgüter von Frankreich an die Herkunftsländer die Debatte um Restitution erneut entfacht. Was bedeuten ihre Forderungen für die darstellenden Künste, wenn nicht Objekte, sondern Identitäten und Geschichten im Fokus stehen? Mit Bénédicte Savoy, Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro; Tickets unter kammerspiele.muenchenticket.net

Stadtspaziergang: „Rechte Räume in München“

Sonntag, 17. November, 11:00 Uhr Münchner Kammerspiele, Treffpunkt: Falckenbergstraße 1 vor Kammer 2

Für die Nationalsozialisten war München – als „Hauptstadt der Kunst und Bewegung“ – eine der wichtigsten Städte im Dritten Reich. Der Rundgang führt zu baulichen Überresten der NS-Zeit und rechten Schauplätzen von heute. Wie gelangt rassistisches, antisemitisches und anderweitig diskriminierendes Gedankengut bis weit in die Mitte der Gesellschaft und manifestiert sich in verschieden ausgeprägten „Rechten Räumen“? Mit Robert Andreasch (Rechtsextremismus-Experte), Sabine Brantl (Historikerin, Leiterin des Archivs am Haus der Kunst), Peter Bierl (Journalist und Autor), Anna Yeboah (Architektin und Autorin). Eintritt: 10 Euro; Tickets unter kammerspiele.muenchenticket.net. Dauer: ca. 4 bis 6 Stunden, zu Fuß und per Bus

Dies ist wie bereits erwähnt, nur eine Auswahl der Aktionen während der „Woche der Vielen.“

Es gibt noch einiges mehr und man sollte aufmerksam die Tagespresse und die Website www.dievielen.de verfolgen, um nichts zu verpassen. Neben der politischen Aussage der Veranstaltungen, ist es aber auch eine einzigartige Gelegenheit, gewohnte Kulturräume wie Theater und Museen einmal ganz anders und aktiv zu erleben. Man darf gespannt sein, welche Aktionen noch in der Zukunft durchgeführt werden, eben nicht nur in München, sondern in ganz Deutschland. Auch in künstlerischer Hinsicht werden wir wohl außergewöhnliche Inszenierungen gerade des öffentlichen Raumes erleben. Denn das ist die große Stärke der Kunst: Nicht mit einfachen Parolen zu manipulieren, sondern mit Poesie, Phantasie und Verfremdung Wahrheiten zu suchen und zum eigenständigen Denken anzuregen. Dabei wird es auch zu überraschenden Kooperationen kommen, die spartenübergreifend neue Spielarten der Darstellung schaffen werden. Auf jeden Fall wird auch München leuchten und zwar im Gold der Rettungsfolien, die für das Miteinander der Bürger stehen, die ihre Stadt und ihre Kulturinstitutionen nicht einfach den Populisten überlassen werden.